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Mercurius solubilis – homöopathisches Quecksilber

Mercurius oder von gnadenloser Freiheit, Stierkämpfer zu sein oder immer echt und wahrhaftig

Freiheit

„Den elpízo típota. De fovoume típota. Íme léfteros.
Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.“
(Nikos Katzanzakis, Grabinschrift vor den Mauern von Heraklion)

Wenn wir uns mit dem homöopathischen Quecksilber beschäftigen, kommen wir in Kontakt mit dem grossen Bedürfnis nach Freiheit.
Bezogen auf Mercur bedeutet dies Freiheit von Angst. Mercur hat viele Ängste:
verletzt zu werden, angegriffen zu werden, glaubt von Feinden umgeben zu sein, Angst vor Geistern…
Mercur versucht dieser Angst Herr zu werden, indem er am liebsten den Menschen, die ihn umgeben und mit denen er zu tun hat, die sprichwörtliche Pistole auf die Brust setzt.
Mercur verlangt nach Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, merkt er dass Du Angst hast oder lügst und nicht dazu stehst, ist es vorbei. Dann hast Du entweder Glück wenn Du dieses Aufeinandertreffen überlebst oder Mercur geht einfach und kommt nie wieder.
(Aber dann sprich ihn nie wieder an!)

Heftigkeit

Dies klingt ziemlich heftig, denkst du jetzt, denken Sie jetzt?
Genau, und so sind Sie auch, impulsiv und misstrauisch.
Und darum geht es, diese Heftigkeit spielt sich im Mercur-Menschen ab, er muss sich immer Deiner sicher sein können und dazu gehört in der Beziehung zu diesen Menschen absolute Aufrichtigkeit. Mercur bemerkt schnell, wirklich schnell, wenn etwas nicht stimmt. Und dann rede nicht um den heissen Brei herum. Mercur gehört zu den ungeduldigsten Mitteln.

Das Innenleben wird von Mercur gehütet und sicher verschlossen, wir zählen diese Menschen zu den eher konservativen Typen.
Mercur fühlt sich ständig bedroht und versucht permament dagegen anzukämpfen, indem er die Umgebung im Auge hat, beobachtet, sich innerlich vorbereitet und den Körper sterben lässt. (Dazu später)

Leben ist Kampf, darum kämpfe!

Dies ist eine typische Mercur-Aussage, aber keinesfalls selbstbemitleidend oder vorwurfsvoll, Mercur hat dies als seine Realität anerkannt und den Kampf angenommen. Im weiteren Verlauf eines mercuriellen Lebens führt diese ständige Anspannung und das notwendige auf-der-Hut-sein zu einem ständigen Kräfteverlust. Mercur ist nicht mehr bei sich, im wahrsten Sinne des Bildes nur bei den anderen und daher der perfekte Stimmungsmesser. Mercurius wird auch als lebendes Thermometer bezeichnet, die kleinste Schwankungen, sei es die Aussentemperatur (M. ist sehr sensibel was grosse Kälte, aber auch Hitze angeht) oder emotionale Veränderungen werden registriert und führen zu Warnhinweisen im eigenen System. So wie Quecksilber im Urzustand in viele kleine bis winzige Tropfen zerspringt und sich zerteilt, so geht es gefühlsmässig dem Mercurius-Menschen. Wie oben beschrieben, sind sie daher dem konservativen Typus zuzurechnen, sie brauchen Stabilität und konstante Bedingungen, im Innen wie im Aussen.

Die Beziehung von Innen und Aussen

Nach hermetischer Weisheit “Im Innen wie im Aussen” sieht man die Verbindung des mercuriellen Menschen zu sich und der Umwelt.
So heftig wie es drinnen zugeht, wird die Heftigkeit im Aussen wahrgenommen.
Mercur-Menschen können den Drang/Zwang verspüren jemanden zu töten, zu erstechen, sobald sie ein Messer sehen.
Diese Menschen müssen sich immer wieder von der Echtheit und Ungefährlichkeit der Situation überzeugen:  “Wie denkst Du gerade über mich? Wie meinst Du das? … Sei ehrlich!”
Hier gibt es keine Zwischentöne, die berühmte Grauzone zwischen Schwarz und Weiss.
All dies ist Mercur ein Greuel, Wischi-Waschi-Aussagen, keine konkrete Standortbestimmung. Das macht Mercur wahnsinnig und stürzt ihn in grösste Zweifel, die schnelles Handeln erforderlich machen. Lügst du Mercur an, scheut er keine noch so grosse Entfernung, er findet Dich und macht dich platt.

Die Aufforderung zur Ehrlichkeit und zur kompromisslosen Authentizität

In jedem Arzneimittel steckt das Potential zur Verwandlung und das was eben noch so furchterregend war, wird zu einem grossen Schatz.
Mercur erinnert uns an unsere eigene Ehrlichkeit in Beziehungen, direkte Kommunikation und eindeutige Aussagen. Mercur hat erkannt, wie es um unsere Welt steht und dass wir immer, wenn wir uns nicht eindeutig positionieren und unsere individuelle Wahrheit ausdrücken und leben, eine weitere Chance verpassen der Welt ein Stück Heilung zu geben. Mercur hilft uns mit einer grossen Kraft diesen Weg mutig zu gehen, denn dazu brauchen wir die Kraft auch mal Gegenwind auszuhalten und standhaft zu bleiben.
Das homöopathische Arzneimittel lehrt uns was uns im kranken Zustand dazu noch fehlt, was wir erinnern müssen um den nächsten Schritt zu gehen.

Wahres Mitgefühl

Mit Mercur können alte Traumata wieder hochkommen, die wir von uns abgeschnitten haben, weil wir nicht anders konnten um weiterzugehen.
Mercur hat viel mit Gewalterfahrungen zu tun, so grausam waren, dass wir Ihnen einen anderen Platz geben mussten. Damit kommen wir zur körperlichen Ebene des Arzneimittels. Hier begegenen wir multiplen Erkrankungen, die allesamt einen gewebszerstörenden Charakter haben und leicht chronifizieren.
Dazu gehört zum Beispiel die chronische Mandelentzündung, leicht zu erkennen an den stark geschwollenen und roten Mandeln mit den weissen Stippchen drauf. Bei häufigem Auftreten kann Vernarbung durch Gewebeuntergang zu sehen sein.
Die Mandeln sind ein Abwehrorgan, und hier sind wir beim zentralen Punkt des Arzneimittels: Bei aller Heftigkeit muss man verstehen, dass diese Menschen äusserst sensibel sind und feinste Schwingungs- und Stimmungsänderungen registrieren, lebensnotwendig für den mercuriellen Menschen.
Was dem Mercur-Menschen fehlt ist der geheilte bzw. heilsame Umgang mit seinen Empfindungen, hier verstrickt er sich in Altbekanntes, die eigene Lebenswahrheit und diese sagt immer, dass er von Feinden umgeben sei und alles was er hört und sieht falsch und hinterhältig sein kann. Aufpassen!
Dabei bleibt es. Hierfür spricht die häufige Entzündungsneigung dieser Menschen, die sprichwörtlich im Kampf, der Entzündung steckenbleiben. Hier braucht der Mercur-Patient eine vertrauensvolle und aufrichtige Begleitung: die Möglichkeit auf die eigenen inneren Verletzungen schauen zu dürfen,
UND den eigenen Verletzungen mit Mitgefühl begegnen zu dürfen, im wahrsten Sinne des Wortes sie mitfühlen zu können. Wenn dann an den Platz der Fremdempfindungen die eigenen treten, kann klar werden, dass die im Aussen wahrgenommene Unaufrichtigkeit im Grunde den Mercur-Menschen an die eigene Wunde und den Umgang damit erinnern soll. Dies ist der Weg, um zu einem wahren, echten und heilsamen Mitgefühl.
(Noch zu erwähnen ist, dass Mercurius solubilis noch mehr körperliche Erkrankungen haben kann, zum Beispiel: neuralgische Zahnschmerzen, Zahnfleischentzündungen, Aphten, Entzündungsherde im ganzen Körper möglich, Hauterkrankungen mit Geschwüren und Eiter, Morbus Crohn/Colitis ulcerosa, auffällig riechender Schweiss, der die Kleidung färbt, Mittelohrentzündung. Dies ist eine thematische Auswahl.)

Berufe: Therapeut, Stierkämpfer…

Erlöstes Mercur zeichnet sich dann zum Beispiel als guter Therapeut aus, mit Mitgefühl und gleichzeitig klarem Geist umschifft er nicht aus Angst oder Bequemlichkeit die traumatischen Erlebnisse beim Patienten, versucht aber auch nicht mehr mit Ungeduld und kompromisslosen Aufforderungen eine Lösung herbeizuschaffen.

Ein weiteres passendes und aussergewöhnliches Bild ist der Stierkämpfer.
Mercur liebt Stierkampf, die Direktheit und die Eindeutigkeit. Wer hier von etwas anderem als dem Weg zwischen Leben und Tod spricht, hat noch keinen Stierkampf gesehen.
Für Mercur ist genau diese Situation so reizvoll, hier ist klar worum es geht und die Dichtheit mit der Stier und Torero miteinander umgehen ist faszinierend.
Hier wird Mercur ganz ruhig, im Angesicht des Todes.

 

Julio Aparicios Unfall in der Arena

 

Allen, die sich mit dem Mercur-Thema befassen wollen, kann ich einen Besuch einer Corrida (spanisch für Stierkampf) empfehlen, oder auch eines der Werke von Ernest Hemingway zum Thema Stierkampf.

Aus persönlicher Empfehlung kann ich das Buch “Askese” von Nikos Katzanzakis sehr empfehlen. Ein Muss um Mercur zu verstehen, vor allem die positiven Aspekte des Mittels und seine (nicht immer sichtbare) Liebe zur Schöpfung.

Ich danke meiner Freundin Sandra Spitzenberg, dass ich für diesen Artikel ein Foto eines ihrer Bilder verwenden durfte, siehe Artikelanfang.

Fabian Strumpf, Oktober 2013