Zentaurenkönig von Jens Brambach

Zentaurenkönig

Gewidmet meinem Lehrer und Freund, dem Zentaurensänger Riesenfreund Andreas Krüger, anlässlich seines 52.Geburtstages

Neulich in Arkadien,
als abends tief die Sonne stand,
traf ich den König der Zentauren
voll Sorge schaut´er übers Land.

Wir gingen schweigend gemeinsam für Stunden
und als schon hell die Sterne sangen,
da hört ich ihn seufzen und schaute ihn an,
Tränen wuschen seine Wangen.

Diese Tränen trafen mich mitten ins Herz.
Er gab so ein abgrundtief trauriges Bild.
Da hielt er inne und schaute zu mir,
so unendlich weise, so unendlich mild.

Schau dich um kleiner Bruder, sprach er zu mir
Das Land liegt im Sterben, das Land ist so leer.
Etwas in mir verstand, was er meinte -
nie zuvor wog eine Leere so schwer.

Wo sind die Riesen mit ihren Liedern?
Wo sind die Drachen, die Elben, die Feen?
Wo du auch hinschaust, mein kleiner Bruder,
ein einziges Sterben, vergeh´n und verweh´n.

Pans Horn tönt nicht mehr und all seine Nymphen
haben schon lange die Tümpel verlassen,
während die Menschen, blind, taub und dumm,
die letzten Schätze der Erde verprassen.

Als ich jung war, sagte er bitter und wild,
da gabe es Bäume von Küste zu Küste.
Endlose Savannen, sprudelnde Quellen.
Heute findest du überall Wüste.

Sein Blick ging nach innen, entrückt sich erinnernd.
Er sprach von Büffeln, von der Schönheit der Pferde.
Es gab sie einst in riesiger Zahl.
Und wenn sie zogen, dann bebte die Erde.

Er redete weiter, Stunde um Stunde.
Ich lauschte besessen, ich war ganz gebannt.
Jede Pflanze, jeden Felsen, jeden Wind, jedes Tier -
sie alle hat er beim Namen genannt.

Plötzlich sah er auf mich, mit flammenden Augen.
Voll heiligem Zorn, sein ganzer Körper ein Beben.
Ein Schauder fuhr mir in jede Faser,
ich dachte gleich endet er ohne Gnade mein Leben.

Doch er sprach weiter, jetzt schneidend vor Kälte.
Und mit Verachtung so tief wie ein Meer.
Ihr Menschen, ihr stumpfen und hohlen Geschöpfe,
wo nehmt ihr euren Hochmut bloss her?

Die Engel verlassen seit Langem die Welt.
Ihr seid an der Reihe, es ist eure Zeit.
Doch ihr verspielt euer Erbe, ihr schwelgt in euren Schwächen,
in eurer Selbstliebe und eurer Eitelkeit.

Ihr seid nicht mehr voller Unschuld und wild.
Ihr seid auch von jeder Weisheit so fern.
Ihr seid verzogene Kinder, ihr seid nicht bereit.
Eure Regentschaft steht unter einem furchtbaren Stern.

Wenn nur ihr verdürbet, wer würde schon klagen,
doch ihr reisst diese ganze Welt mit hinab.
Alles was gut und stark war und schön,
ihr zerrt es in euer erbärmliches Grab.

Jetzt gehen auch wir, das Volk der Zentauren.
Wir lehrten euch lange, wir sind voller Gram,
weil offenbar unsere Lehren versagten.
Niemals mehr werden wir wieder frei sein von Scham.

So endete er, der stolze Zentaur,
er senkte das Haupt, er wandt´sich zum Geh´n.
Ich blieb wie ein Toter, verlassen, vernichtet
und ohne Hoffnung so liess er mich steh´n.

In mir war keine Träne, keine Klage, kein Nichts.
Was haben wir mit dieser Erde gemacht.
Alles vorbei und alles verloren.
In meiner Seele wurde es Nacht.

Einst dachte ich, in der Hölle wär Feuer.
Wie man doch als Mensch die Lage verkennt.
Jetzt wo es zu spät war, wurde mir klar,
Hölle ist, wenn kein Feuer mehr brennt.

So stand ich für Immer, so steh ich noch Heute.
Ich war ausserhalb der Zeit.
Gefangen im grossen Kreislauf des Nichts,
in einer lichtlosen Ewigkeit.

Wer bin ich? Wo bin ich? Was ist dieser Funken,
der aus meinem Innern aus gar nichts entspringt?
Was soll ich hier, was will ich, wer ist es,
der mich hier in dieses Leben bringt?

Ich schnappe nach Luft, ich trinke das Leben
in all meine Sinne hinein.
Ich sammle mich langsam, in mir der Funken,
der mich erweckt hat, zu diesem Sein.

Erinnerungsfetzen aus anderen Zeiten…
Ich schau mich um, da seh ich ihn gehen,
den König des Volkes der stolzen Zentauren,
in all seiner Bürde und Trauer so schön.

Jetzt erwache ich gänzlich, jetzt gibt es kein Halten,
ich stürze ihm nach, ich rufe ihn an:
Halt oh halt, Zentaur du Erdfreund,
gibt es denn nichts was man tun kann?

Der König hält inne, er wendet sich um.
Er schaut mir prüfend ins Angesicht.
Ich seh keine Hoffnung, das kannst du mir glauben,
wohin ich auch schaue, ich sehe sie nicht.

Da sprudeln die Worte aus meinem Innern,
ich erzähle von Hoffnung, die niemals vergeht.
Ich spreche vom Leben, von der Liebe, vom Kampf,
vom Licht, das gegen das Dunkel besteht.

Ich rede begeistert, wie völlig von Sinnen.
Ich berichte von Menschen, die ich gekannt,
die gegen den Strom zieh´n, der Wahrheit entgegen.
Andreas – auch dein Name wurde genannt.

Der Zentaur lächelte, milde und weise,
und er schaute mich an als wär nichts gescheh´n.
In seinen Augen leuchtet ganz leise,
eine Liebe, wie ich sie noch niemals geseh´n.

Na gut, sagte er, dann woll´n wir mal bleiben.
Und geht entspannt eine Klippe hinauf.
Oben stehen wir und schauen ins Land.
Im Osten geht die Sonne auf.

Bei diesem Land und dieser Sonne,
vergiss niemals was du heute erkannt!
Wie sollt´ich´s vergessen, oh Fürst der Zentauren,
es ist mir tief in die Seele gebrannt.

Er lächelt spöttisch, mit funkelnden Augen.
Ihr Menschen vergesst wie ein Falke so schnell,
nichts könnt ihr richtig, ihr trägen Tölpel,
nur im Vergessen und Wichtig-Sein, da seid ihr schnell.

Eure Zeit wird knapper mit jeder Stunde,
doch ihr schlaft nur und träumt, als würd´nichts gescheh´n.
Nichts weckt euch aus eurem behaglichen Schlummer,
nichts lässt euch der Wahrheit ins Auge schauen.

Doch still jetzt und schau, sagt er und strafft sich
und er stellt sich an der Klippe Rand.
Und berstend vor Kraft ertönt seine Stimme,
rollt wie ein Donner über das Land.

Ich rufe die Riesen mit ihren Liedern,
ich rufe die Drachen, die Elben, die Feen.
Ich rufe dich Pan, mein lustvoller Bruder,
lass deine Nymphen wieder bevölkern die Seen.

Ich rufe die Bäume zu neuer Kraft.
Ich rufe alle Pflanzen, das Getier, das Gestein.
Noch gibt es Hoffnung für diese Erde.
Wir lassen noch nicht die Menschen allein.

Was ich dann sah, spottet jeder Beschreibung.
Ich sah wie die Erde zum Leben erwacht.
Ich sah das Paradies auf dieser Erde,
so wie es sich unser Schöpfer gedacht.

Ich stand, sah und weinte, voll nur von Freude,
Leben erfüllte mich wie nie zuvor.
Dank dir du stolzer König der Zentauren,
du hast mir geöffnet ein heiliges Tor.

Dank mir durch deine Taten, nichts anderes zählt!
Und bleib getreu der Erde, dem Leben!
Sprach er und stob ostwärts, von der Sonne umfangen,
da spürte ich plötzlich die Erde erbeben.

Hunderte Zentauren, schnell wie der Wind,
tauchten überall auf, galoppierten ihm hinterher.
Nur ein paar Augenblicke und der Horizont schluckt sie.
Und jetzt seh´ ich sie nicht mehr.

Ich erwache im Gras, die Sonne hoch oben.
Ich gähne und räkle mich – Hab ich geträumt?
Da war irgendwas wichtiges, so deucht mir ganz leise.
Was habe ich da gerade versäumt?

Na ja egal, was weg ist, ist weg.
Mach mich auf meinen Weg, die Sonne scheint.
Hab so´n seltsames Gefühl, dass in meinem Innern,
irgendwer bitterlich um irgendwas weint.

Jens Brambach